Gutov,
Dimitrij, Die marxisitisch-leninstische Ästhetik in der postkommunistischen Epoche.
Michael Lifsic, in: Groys, Boris, von der Heiden, Anne, Weibel, Peter (Hg.),
Zurück aus der Zukunft. Osteuropäische Kulturen im Zeitalter des
Postkommunismus, Frankfurt am Main 2005.
Suhrkamp
p. 709 - 737
Dmitrij
Gutov
Die marxistisch-leninistische
Ästhetik in der postkommunistischen Epoche.
Michail Lifšic
„Ich weiß
nicht, wie es Ihnen geht, aber ich habe manchmal an mir selbst bemerkt, dass
die Erkenntnis des Lebens, mein Staunen darüber und sogar die schiere
Vergänglichkeit, die endlichen Grenzen meiner selbständigen Existenz, mich zum
Lächeln bringen. Ich erinnere mich an Momente während des letzten Krieges, in
denen ich mich schon für tot halten konnte, und ich lächelte – ein Lächeln, das
(angesichts der gegebenen Lebenssituation) selbstverständlich völlig deplaziert
war. Ein Mensch, der in der Lage ist, kontemplativ zu leben, aus sich selbst
herauszutreten und sich von außen zu betrachten: lächelt.“
Michail
Lifšic, Ulybka Džokondy (Das Lächeln der Monalisa)
In dem
Abschnitt, den wir der vorliegenden Arbeit zur marxistisch-leninistischen
Ästhetik als Motto vorangestellt haben, ist eine Wendung von prinzipieller
Bedeutung: „als ich mich schon für tot halten konnte“. Diese Worte beschreiben
exakt den gegenwärtigen Zustand dieser Ästhetik. Sie kann sich im wörtlichen,
ganz unmetaphorischen Sinn für tot halten. Es gibt keine Geräte, die noch
Lebenszeichen von ihr aufzeichnen würden. Was folgt daraus? Aus dem eingangs
zitierten Text wird deutlich, dass dieser Zustand in gewisser Hinsicht auch Vorzüge
hat. Er ruft uns die Überlegenheit des Bewusstseins über das übermächtige
Universum in Erinnerung, um die schon Pascal wusste. Die folgende Abhandlung
kann man als Kommentar zu diesem Zitat lesen, und beginnen sollten wir mit
seinem Autor, Michail Lifšic.
Michail
Lifšic. Biographie
Die
sowjetische Variante der marxistisch-leninistischen Ästhetik war im
Wesentlichen das Werk eines Mannes – Michail Lifšic’ (23.7.1905, Melitopol’ –
20.9.1983, Moskau). Kunstinteressierten Kreisen innerhalb der linken westlichen
Intelligenz ist der Name Lifšic nicht unbekannt. Dies ist vor allem dem von ihm
herausgegebenen Band Marx-Engels über
Kunst und Literatur[1]
zu verdanken, dessen deutsche Übersetzung mehrere Auflagen erlebt hat,
sowie der auf Englisch publizierten Arbeit The
Philosophy of Art of Karl Marx, erschienen
1938 in New York und 1973 in London. Zu einer gewissen Bekanntheit Lifšic’ hat
auch der Umstand beigetragen, dass Georg Lukács ihm sein Buch Der junge Hegel und die Probleme der
kapitalistischen Gesellschaft gewidmet hat. Es gibt nur sehr wenige
englischsprachige Veröffentlichungen von Lifšic, und auch seine russischen
Bücher stellen bibliographische Raritäten dar. Einige seiner Texte und eine
Bibliographie seiner Arbeiten sind auf http://www.gutov.ru/lifshitz einzusehen.
Über die
Peripetien von Lifšic’ Schicksal ist in Russland wenig und außerhalb Russlands
so gut wie nichts bekannt. Man muss sie erwähnen, denn sie sind nicht nur von
historischem Interesse, sondern werfen auch zusätzlich Licht auf wichtige
Aspekte jener Ideen, von denen im Folgenden die Rede sein wird.
Michail
Lifšic kam 1905 in der kleinen südrussischen Stadt Melitopol’ zur Welt, im Jahr
der ersten russischen Revolution. Zwölf Jahre darauf erlebt Russland seine
proletarische Revolution. In Lifšic' Jugend ist sie das zentrale Erlebnis. Auf
dieses Ereignis wird er sich zeitlebens beziehen, und die Erinnerung an die
ursprünglichen Ziele der Revolution wird er auch in Zeiten wach halten, in
denen die Allgemeinheit sie entweder vergessen hat oder nur ungern an sie
zurückdenkt. Dass sein bewusstes Leben nicht ein Jahr früher oder später
begonnen hatte, betrachtete Lifšic als großen Glücksfall. Schon die wenig
später Geborenen hatten das Wichtigste verpasst. Und obwohl sein tatsächliches
Leben ein Beispiel für die Absurdität des Daseins abgeben könnte, sah er sich
selbst als Zeugen eines Moments, in dem die Welt ausnahmsweise gar nicht so unvernünftig schien.
In
Melitopol’, inmitten von Bandenkriminalität, Besatzung, Hunger und Flecktyphus, fallen dem fünfzehnjährigen
Lifšic Lenins Schriften in die Hände. Sie hinterlassen einen tiefen Eindruck.
Die marxistische Philosophie, so wird er später sagen, war für mich eine Sache der
Wahrheitssuche, nicht des Bildungseifers. 1922 kommt Lifšic nach Moskau. Neben
dem Lesen ist seine Lieblingsbeschäftigung das Zeichnen. Die Kunst jener
legendären Jahre ist heute hinreichend bekannt. Eine der wichtigsten
Speerspitzen der radikalen Neuerungen in Russland war damals die neu gegründete
Kunsthochschule (Vysšie Chudožestvenno-Techničeskie Masterskie/Höhere
Künstlerisch-Technische Werkstätten), an der Lifšic 1923 immatrikuliert wird.
Zu diesem Zeitpunkt waren alle bedeutenden Entdeckungen auf dem Gebiet der
Zerstörung des traditionellen, über Jahrtausende gewachsenen Kunstbegriffs
schon gemacht. Etwas wirklich Neues konnte man hier nicht mehr tun. Dazu kommt,
dass das Unterrichten von Radikalität generell eine in sich widersprüchliche
Aufgabe ist. Eine Lektion hat Lifšic bei seinen Lehrern allerdings zweifellos
gelernt: Er verbannte alle aus der Gegenwart hinaus, die diese Gegenwart
symbolisierten, vor allen anderen seine Lehrer, und er hielt sich dabei in
seinen Formulierungen ebenso wenig zurück, wie die Autoren der
avantgardistischen Manifeste es getan hatten. Wenn die vitale Energie des
VCHUTEMAS zum Ende der Sowjetunion noch irgendwo erhalten war, dann nur in
Lifšic’ Texten. Ein Blick in sein in den sechziger Jahren entstandenes Manifest
Počemu ja ne modernist? (Warum ich kein Modernist bin?) genügt um festzustellen, dass seine
Bereitschaft, den Spießbürger zu schockieren, zeitlebens nicht nachgelassen
hat.
Bei alledem
wäre es jedoch falsch, die Entstehung von Lifšic' Stilistik aus der Praxis des
Modernismus herzuleiten, so sehr er auch davon beeinflusst war. Zudem klänge
dies wie eine Art Rechtfertigung seiner Ideen, und seine Ideen gehören nicht zu
denen, die einer Rechtfertigung bedürfen. Lifšic selbst stützte sich mit der
ihm eigenen Kompromisslosigkeit auf Quellen, die weniger populär, weniger
bekannt und nicht im mindesten Aufsehen erregend waren, insbesondere auf die
Schriften der russischen revolutionären Demokraten der 1860er Jahre. Im Vorwort
zu seinem Buch Iskusstvo i sovremennyj mir
(Kunst und moderne Welt, 1978), das
ihm den Ruf des reaktionärsten sowjetischen Autors der Breschnew-Zeit
eingetragen hat, schreibt er über einen von ihnen: „Doch es ist an der Zeit zu
erkennen, dass Černyševskij ein kluger Autor mit einer feinen, manchmal
fast unmerklichen Ironie war, der sich – wie Sokrates – um der Erforschung der
Wahrheit willen einfältig gab oder seine Zeitgenossen mit kategorischen
Urteilen brüskierte, um sie aus ihrem langen Schlaf zu wecken.“
Sein erstes
eigenes kategorisches Urteil äußert Lifšic Mitte der zwanziger Jahre, als er
die Priorität von Antike und
Renaissance gegenüber den neuesten Formen der Avantgardekunst proklamiert. Dies
war mehr als eine Umwertung der Werte. Es war eine Herausforderung für jede
Weltanschauung, die kein absolutes Koordinatensystem gelten ließ, eine in makellose Formeln gegossene Herausforderung:
„Den geläufigen Phrasen unserer Zeit zum Trotz existiert sowohl eine absolute
Schönheit als auch eine absolute Wahrheit.“ „Der Relativismus ist die Dialektik
der Dummen.“ „Es ist an der Zeit, dem unnützen Hin und Her des reflexiven
Denkens Adieu zu sagen.“
Der
zweiundzwanzigjährige Autor schreibt seine ersten theoretischen Arbeiten, K voprosu ob estetičeskich vzgljadach
Marksa (Karl Marx' ästhetische
Ansichten) und Dialektika istorii iskusstva (Dialektik in der Kunstgeschichte), und
skizziert darin jene Ideen, deren Ausarbeitung ihn sein Leben lang beschäftigen
wird. Während dieser ganzen Zeit revidiert die Welt um ihn herum ihre Ansichten
mehrmals so grundlegend, dass Lifšic' unveränderte Position sich vor diesem
Hintergrund immer wieder anders ausnimmt – eine bekannte optische Illusion. Von
seinen ersten Arbeiten an bleibt sein Denken nicht nur in seinen Inhalten
konstant, sondern auch in einer Besonderheit der Formulierungen, in denen es
sich äußert: Sie klingen grundsätzlich unpassend. Wenn sich irgendein Ort nicht eignete für die Verbreitung der
Idee, dass die echte Begeisterung des Volkes sich nicht in suprematistischen
Formen, sondern in einer neuen, an den erhabensten Errungenschaften der Kunst
früherer Epochen orientierten Renaissance ausdrücken werde, so war es der
VCHUTEMAS. In der weltweit einzigen Zitadelle der proletarischen Kunst der
Zukunft wusste man mit derlei Ansichten wenig anzufangen. Der Bruch mit den
Lehrern war radikal, eine Fortsetzung des Studiums unmöglich. (Lifšic sollte
sowohl Professor als auch Akademiemitglied werden, ohne ein Zeugnis über einen
Hochschulabschluss vorweisen zu können.) In der Sowjet-Ära, und zwar auch zu
deren Beginn, zählten Debatten über Ästhetik nicht zu den ungefährlichen
Beschäftigungen. 1929 sieht sich Lifšic nach einem seiner Plädoyers für das
klassische Erbe mit dem harten politischen Vorwurf der „Rechtsabweichung in der
Kunst“ konfrontiert, der ernste Schwierigkeiten nach sich ziehen konnte.
Wesentlich später notiert Lifšic in seinen Aufzeichnungen über die dreißiger
Jahre: „Mein Ziel ist es, das herrschende Schema für die Beurteilung jener Zeit
umzustürzen, ein Schema, dem zufolge die freien zwanziger Jahre vom Dogmatismus
der folgenden Dekade erstickt wurden. Ein dummes, oberflächliches Stereotyp des
öffentlichen Denkens ...“
Die
sowjetischen dreißiger Jahre sind eines der dunkelsten und verschlossensten Jahrzehnte
der Geschichte. Der Schlüssel zu ihnen fehlt bis heute. Immerhin kommt in
unseren Tagen zumindest der zu Verschleierungszwecken geprägte Begriff
‚Totalitarismus‘, nachdem er seine Rolle im Kampf gegen den Kommunismus
gespielt hat, allmählich aus dem Gebrauch. Jeder Versuch, dieses Jahrzehnt als
einheitliches Ganzes zu beschreiben, ohne den in ihm verborgenen tragischen
Widerspruch zu berücksichtigen (das, was Lifšic „die Bitternis des inneren
Konfliktes“ nannte), bleibt zwangsläufig an der Oberfläche. In den dreißiger
Jahren steckt das Potential für eine Erneuerung der Kunst und deren theoretischer Betrachtung (um von
ehrgeizigeren Projekten nicht zu sprechen). Als Denker ist Lifšic die zentrale
Figur dieses Jahrzehnts. An seinen Texten kommt man nicht vorbei.
Das
Grundproblem, dessen Lifšic sich im Zuge seiner am VCHUTEMAS durchlebten
geistigen Krise bewusst wurde, hing mit der Frage zusammen, inwieweit der
künstlerische Avantgardismus revolutionär und links war. Diese Frage stellte
sich prinzipiell: Gehörte diese Kunst – in ihren klassischen Ausprägungen
entstanden zwischen 1907 und 1915, in einer Zeit der Reaktion und der
Abschwächung der revolutionären Bewegung – zur proletarischen Welt, oder
schleppte sie in diese Welt die Zerfallsprodukte aus der Endphase der
Klassengesellschaft ein? Dieses Thema zieht sich durch alle Werke von Lifšic,
gleichgültig, wie entlegen oder abstrakt deren Inhalt ist.
Um diese
Frage richtig zu beantworten, wendet Lifšic sich dem zu, was man in der
Sowjet-Ära ‚Urtexte‘ nannte: den marxschen Schriften. Ab Mitte der zwanziger
Jahre lernt er im Selbststudium Deutsch und entdeckt, dass es bei Marx eine
ästhetische Konzeption gibt, was zu jener Zeit niemand ahnt. Man nimmt
allgemein an, die marxistische Ästhetik müsse praktisch aus dem Nichts heraus
geschaffen werden. Lifšic beginnt, sorgfältig alle Äußerungen zur Kunst in
Marx' Texten zusammenzutragen, und konzipiert eine Anthologie dieser Fragmente.
Die erste Auflage erscheint 1933, eine erweiterte zweite 1938. (1949 wird diese
für nicht mit der Kunstpolitik der Partei konform befunden und aus den
Bibliotheken entfernt.) Nach 1957 erscheinen mehrere weitere Auflagen. 1938
gibt Lifšic eine zweite, ähnliche Anthologie mit dem Titel Lenin ob iskusstve (Lenin
über Kunst) heraus. Mit dieser Arbeit legt er das Fundament der
marxistisch-leninistischen Ästhetik. Allerdings ist Lifšic’ Auffassung von dem,
was in der Sowjet-Ära unter dieser Bezeichnung firmierte, himmelweit entfernt.
Das Verhältnis entspricht dem zwischen Original und grober, vulgarisierender
Karikatur. Die Parodie stellte nach Lifšic' Verständnis eine ebenso große
Gefahr für den Marxismus dar wie die ultralinke Phrase, deshalb nannte er seine
Aufgabe einen Zweifrontenkrieg. Sein ganzes Leben ist vom pausenlosen erbitterten
Konflikt einer unabhängigen intellektuellen Position mit den Avantgardisten auf
der einen und den Orthodoxen auf der anderen Seite bestimmt. Im Zeitraum von
den zwanziger bis zu den achtziger Jahren verschoben sich die
Kräfteverhältnisse an diesen Fronten mehr als einmal. Den dreißiger Jahren
kommt in dieser Hinsicht die größte Bedeutung zu.
Das
Jahrzehnt begann mit einer, so Lifšic, „erstaunlichen Zeit“, mit eine
Leerstelle zwischen zwei repressiven Kräften: dem Vulgärmarxismus der zwanziger
und der finsteren Dogmatik der späten dreißiger Jahre. Diese Beschreibung
erinnert entfernt an das, was die zerfallende Sowjetunion zwischen 1986 und
1991 durchlebt hat, als der altersschwache Repressionsmechanismus nicht mehr
funktionierte und die unkontrollierte Macht des Geldes noch nicht zu wirken
begonnen hatte. In dieser Zeit war eine besondere Nähe zu solchen Epochen
spürbar, die man vielleicht als ‚Zwischenräume‘ bezeichnen könnte; in dieser
Zeit wurde auch Lifšic’ Ästhetik wieder entdeckt, als ein eigenständiges
Phänomen, das eine ähnliche historische Situation widerspiegelte. Die in einem
derartigen Zustand der weitgehenden intellektuellen Freiheit und des
grundsätzlich offenen Ausgangs gleich welchen Unterfangens gemachten
Erfahrungen sind nicht zu ersetzen. Lenin beschreibt etwas Ähnliches mit dem Anna-Karenina-Zitat von der Zeit, ‚in
der alles in Aufruhr geraten ist und sich erst allmählich wieder setzt‘.[2]
Was die Ergebnisse seiner theoretischen Arbeit betrifft, sind die dreißiger
Jahre die wichtigste Periode in Lifšic' Tätigkeit.
Allerdings
war die Zeit, die er als ‚erstaunlich‘ charakterisierte, alles andere als
sanftmütig. Ab 1929 arbeitet Lifšic im Marx-Engels-Institut, seit 1930 in der
dort eingerichteten Abteilung für Geschichtsphilosophie. Eine Vorstellung davon, wie seine Position sich aus der Sicht
der anderen, offiziellen Seite ausnahm, gibt vielleicht das im Folgenden
zitierte Dokument. Es handelt sich um einen unlängst veröffentlichten Brief des
späteren Akademiemitglieds Pavel Judin an den neuen Institutsleiter Vladimir
Adoratskij über die geschichtsphilosophische Abteilung und die dort arbeitenden
Herren Lukács und Lifšic: „Zu den Aufgabenbereichen dieser Abteilung gehörte
auch der Historische Materialismus. Doch an den Histomat dachten sie dort
überhaupt nicht. Allenfalls ein paar zufällig ausgewählte Bücher zum Histomat
stehen herum ... Keines der Probleme des Marxismus wird behandelt, vom Studium
des Leninismus ganz zu schweigen. In keiner der genannten Abteilungen gibt es
auch nur ein Buch von oder über Lenin. In der Philosophie-Abteilung existiert
ein spezieller Bereich für Philosophie der Gegenwart. Sämtliche
obskurantistischen Idealisten (Spengler, Husserl, Špet usw.) sind dort
versammelt, Lenin aber haben die Verantwortlichen für die Abteilung nicht zu
den Gegenwartsphilosophen gezählt.“
Das
wichtigste Jahrzehnt in Michail Lifšic’ Leben ist auch die Zeit, in der er
seine grundlegenden Ideen formuliert hat. Die Ereignisse haben jedoch dazu
geführt, dass nur wenige schriftliche Texte entstanden sind. Die grundlegenden,
zwischen 1931 und 1934 geschriebenen Arbeiten erschienen 1935 gesammelt in dem
Band Voprosy iskusstva i filosofii (Fragen der Kunst und Philosophie). Doch selbst wenn man alles
zusammennimmt, was Lifšic in diesem Jahrzehnt geschrieben hat, füllt es nicht
mehr als einen Band. (Seine Arbeiten der dreißiger Jahre sind in deutscher
Übersetzung in Dresden erschienen, wie stets bei Lifšic nicht im günstigsten
Moment – 1987, als die DDR-Bürger sich für nichts weniger interessierten als
für den Marxismus der Stalinzeit.) Diese lifšicsche Wortkargheit ist eine
ernste Schwierigkeit für jeden, der hinter die äußere Hülle dieser Texte
vorzudringen versucht. Das Wichtigste in ihnen ist oft kaum wahrnehmbar und nur
angedeutet. Es gibt eine private Notiz von Lifšic, die diese äußere
Insuffizienz der Quellen, zugleich aber auch die innere Einheit, den
Zusammenhang des trotz allem Gesagten zu kommentieren scheint: „Vielleicht wird
einem zukünftigen Cuvier ein Knöchel aus meinem Skelett genügen, um das
vorsintflutliche Ungeheuer zu rekonstruieren.“ Lifšic’ Hinwendung zur Ästhetik
in den dreißiger Jahren war nicht ganz freiwillig. Wie er selbst einmal
bemerkte, wahrte man damals zu so ernsten Fragen wie der nach der Priorität der
Materie gegenüber dem Geist tunlichst respektvollen Abstand. „Freier zugänglich
schien das Minenfeld der Kunst und Literatur, das wir denn auch mit einer für
die damalige Zeit unerhörten Kühnheit bearbeiteten, zum Erstaunen der
gewöhnlichen Literaturgeschäftsleute und
anderer Gauner.“
Von außen
betrachtet sieht das Geschehen in der zweiten Hälfte der dreißiger Jahre wie
eine Umsetzung von Lifšic' zehn Jahre zuvor formulierten Ideen aus. Die
Begriffe des ‚Realismus‘, des ‚Schönen‘ und des ‚Klassischen‘ sind nicht nur
nicht mehr verpönt, sie werden vehement propagiert. Lifšic, der hierfür nicht
orthodox genug wirkt, erfährt keinerlei offizielle Anerkennung. Allerdings
erinnern sich Zeitgenossen an seinen enormen Erfolg bei den Studenten. Im Jahr
1937 kommt Lifšic' literarische Aktivität praktisch zum Stillstand. 1941 geht
er an die Front, dient in der Dnepr-Kriegsflottille, wird verwundet, bricht
nach der Zerstörung der Flottille aus dem Kessel aus. Bei Kriegsende hat er den
Rang eines Hauptmanns.
Die späten
vierziger und frühen fünfziger Jahre sind in der Sowjetunion vom ‚Kampf gegen
den Kosmopolitismus‘ geprägt, der auch an Lifšic nicht vorübergeht. Er mochte
das Memoirenschreiben nicht, doch in einigen seiner Texte findet sich ein
gedämpftes Echo auf die Ereignisse seines persönlichen Lebens: „Nach dem Krieg
änderte sich vieles, es war eine schwere Zeit. Bei meiner Rückkehr aus dem
Kriegsdienst fühlte ich mich völlig in Vergessenheit geraten, wie irgendwo auf
dem Meeresgrund, mit einer ozeanischen Schicht ziemlich trüben Wassers über
mir. Natürlich will ich mich nicht beklagen – niemand weiß im Voraus, was gut
ist für einen Menschen und was schlecht. Bei all ihren dem Leser leicht
vorstellbaren praktischen Unannehmlichkeiten war diese missliche Lage in
gewissem Sinn von Vorteil für mich, um nur das mindeste zu sagen.“ In Lifšic’
Archiv findet sich eine Postkarte aus harmloseren Zeiten, von 1964. Der Text
darauf lautet: „Sehr geehrter Michail Aleksandrovič! In den Tagen des
Großen Oktobers drücke ich Ihnen fest die ästhetische Hand und wünsche Ihnen
von ganzem Herzen weiterhin Erfolg in Ihrer Arbeit. Beste Grüße! Astachov.“ Auf
derselben Postkarte Lifšic’ Zusatz: „Das ist der Dreckskerl, der 1949 von der
Tribüne verkündet hat, ich sei ‚im trotzkistischen Untergrund groß geworden’, ich
verbreite eine ‚undurchsichtige, schmutzige, gemeine Philosophie’ und sei ein
‚Ideologe der Dekadenz’.“
Am Anfang
der Zeit, die man gewöhnlich als chruschtschowsche Tauwetterperiode bezeichnet,
steht die Veröffentlichung von Michail Lifšic’ Artikel „Dnevnik Marietty
Šaginjan“ („Das Tagebuch der Marietta Šaginjan“) in der Zeitschrift Novyj mir
(Nr. 2, 1954) – einem satirischen Pamphlet, in dem der Autor ein Porträt
der stalinistischen Intelligenz mit ihren leeren Phrasen, ihrer Heuchelei und ihrer verblüffenden Verbindung von epischem
Enthusiasmus mit Gleichgültigkeit und Desinteresse für die Sache zeichnete. Das
Porträt war brillant, auch wenn sein Gegenstand an sich keinen besonderen Reiz
hatte. Marietta Šaginjan war nicht die einzige Person, mit der Lifšic im Lauf
seines Lebens auf Dutzenden von Seiten erbarmungslos abrechnete. Über die Effektivität einer solchen Verwendung seiner Kräfte kann man verschiedener
Meinung sein. Marx zumindest hat uns unter anderem seine Schrift Herr Vogt hinterlassen. Lifšic führt
einmal Goethes Worte über Lessing an, die Schriftsteller in Lessings Epoche
lebten wie Insekten im Bernstein. Zur Philosophie habe Lessing geschwiegen, so
Lifšic: „Solche Themen nahm er nicht in Angriff, und er hatte recht, obwohl
daraus keineswegs folgt, dass er glücklich war. Im Gegenteil war Lessing, wie
wiederum Goethe sagte, sehr unglücklich ob der Nichtigkeit der Gegenstände, mit
denen er sich gezwungenermaßen beschäftigte, und weil diese Beschäftigung mit
permanenter Polemik verbunden war.“
Die
Resonanz auf die Publikation in Novyj mir
war grandios. In offiziellen Reaktionen wurde Lifšic ‚ungesunder,
kleinbürgerlicher Nihilismus‘ vorgeworfen, Infragestellung der sozialistischen
Ideale ‚im siebenunddreißigsten Jahr unseres Weges‘, Snobismus und Verbreitung
antipatriotischer Ideen. Er wird aus der Partei ausgeschlossen und verstummt
auf längere Zeit.
Für die
Generation, die in den sechziger Jahren die Arena betritt und weder von Lifšic’
Rolle in den Diskussionen der dreißiger Jahre noch von seinen Veröffentlichungen
in Novyj mir in den fünfziger Jahren
auch nur die geringste Vorstellung hat, ist sein Auftreten ein Schock. Im Jahr
1966 fällt Lifšic nichts Besseres ein, als vierzig Jahre nach seiner
VCHUTEMAS-Erfahrung abermals mit einem Manifest gegen die zeitgenössische Kunst
an die Öffentlichkeit zu treten: Warum
ich kein Modernist bin? Es erscheint auf den Seiten des Berliner Forums und der Literaturnaja gazeta. Ein einziger kurzer Text (publiziert zu einer
Zeit, als jedes kritische Wort über die Avantgarde eindeutig als Wiederbelebung
des Stalinismus aufgefasst wird) verhilft Lifšic zu beispiellosem,
skandalträchtigem Ruhm als leibhaftiger Verkörperung des Obskurantismus. Das
Manifest wird scharf und deutlich verurteilt. Die Beiträge aus den Debatten und
Podiumsgesprächen rund um die Verdammung dieser Publikation und ihres Autors
archiviert Lifšic säuberlich in zwei Ordnern mit der Aufschrift ‚Chor der
Grünschnäbel‘ und ‚Die Mäuse trauern um die Katze‘.
Hier ein an
Lifšic adressierter Brief des Kunsthistorikers, ehemaligen Häftlings der
stalinschen Lager und zukünftigen Dissidenten Lev Kopelev von 1966: „Michail
Aleksandrovič! Ich schicke Ihnen meinen Artikel, da ich bezweifle, dass
man ihn irgendwo drucken wird, und ich möchte, dass Sie ihn lesen. Bisher hielt
ich es nicht für nötig, Ihr Urteil über Kunst anzufechten, da ich Ihre übrige
Publizistik (die Pamphlete gegen Šaginjan, Razumnyj u. a.) sehr schätze. Mit
Ihren Artikeln im Forum und in der Literaturnaja gazeta aber haben Sie sich
so klar als Vorkämpfer der reaktionärsten Kräfte im gegenwärtigen
internationalen Kulturleben zu erkennen gegeben, dass ich nicht anders kann, als Ihnen entschieden zu
widersprechen. Ich hoffe, Sie haben sich noch nicht endgültig mit der Rolle des
Protopopen Avvakum im modernen ästhetischen Altgläubigentum
identifiziert und sind imstande,
Ihre eigenen Fehler, Irrtümer und Vorurteile in gewissem Maß kritisch zu
bewerten. Mit den besten Wünschen, Lev Kopelev.“
Dass der
Inhalt seiner ‚übrigen Publizistik‘ und die Kritik der Avantgarde für Lifšic
weitgehend identisch waren, überstieg Kopelevs Vorstellungskraft. Lifšic nimmt
nicht nur keine kritische Bewertung seiner Irrtümer vor, er provoziert den
radikalen Bruch mit der Intelligencija und veröffentlicht wenig später sein
Buch Krizis bezobrazija (Die Krise des Hässlichen) – eine wahre Bibel des
Antimodernismus, das theoretische Hauptwerk eines sowjetischen Marxismus, der
das gesamte ästhetische Projekt der Gegenwart in Frage stellt. Es gibt im 20.
Jahrhundert kein zweites Werk, das nicht nur die bürgerliche Welt, sondern
zugleich auch sämtliche Formen der avantgardistischen Kritik an dieser Welt
einer so vernichtenden Kritik unterzogen hätte. Wie immer bei Lifšic war der
Zeitpunkt der Publikation nicht eben günstig. 1967 in Druck gegeben, erscheint
das Buch 1968 und wird gelesen unter dem Rasseln sowjetischer Panzerketten, die
in der Tschechoslowakei den ‚Prager Frühling‘ niederwalzen sollen. Wer bis
dahin noch an einen Sozialismus mit menschlichem Antlitz geglaubt hat, verliert
nun die letzte Hoffnung. Es beginnt eine Epoche der allgemeinen Enttäuschung,
der verlorenen Illusionen. Besonders frappierend wirkt Lifšic' Buch über die
ästhetischen Aspekte dessen, was Lenin den ‚Linken Radikalismus, die
Kinderkrankheit im Kommunismus‘ nannte, vor dem Hintergrund des ultralinken
achtundsechziger Jugendaktivismus in Europa und der Bewegung der Roten Garden
in China.
Lifšic
verteidigt Marx’ und Lenins Ansichten zur Kunst in dem klaren Bewusstsein, dass
er keine Chance hat, gehört zu werden. Noch in der ersten Hälfte der sechziger
Jahre schreibt er einen Text mit dem Titel Na
derevnju deduške (An den Großvater im
Dorf), also einen Brief ins Nirgendwo. (Zu seiner Entstehungszeit von der
Zensur zurückgehalten, erscheint er 1990 in einer Auflage von 300 Exemplaren.)
In den
siebziger Jahren wird Lifšic mit seiner Liebe zur klassischen Kunst und seiner
Hoffnung auf ihre letztliche Auferstehung (einer Idee, die schon jenseits des
Vorstellbaren liegt) zu Suslovs Cheftheoretiker erklärt. Suslov ist der zweite
Mann in der Partei nach Breschnew, unter Stalin Sekretär für Propaganda, ein
grauer Kardinal, dessen Name für die Verfolgung jeder, auch der geringsten
Abweichung von der marxistischen Orthodoxie steht. Die stoische Ruhe, mit der der
Autor der Krise des Hässlichen das
ihm entgegengebrachte – gelinde gesagt – Unverständnis aufnahm, erklärt sich
aus seiner gesamten Biographie. Verglichen mit den Diskussionen, an denen er
seit Mitte der zwanziger Jahre teilgenommen hatte und deren Argumentation nach
Lifšic' Beschreibung oft wie ein Granateinschlag, wie ein Gruß aus dem Jenseits
klang, mussten ihm die Anschuldigungen der siebziger Jahre natürlich wie
harmloses Kindergeplapper vorkommen. „Man braucht einen unerschütterlichen
Glauben an sich selbst, um dem Bild, das andere von einem haben, mit Verachtung
zu begegnen“, schrieb er über Voltaire.
1972
veröffentlicht Lifšic den Band Karl
Marks. Iskusstvo i obščestvennyj ideal (Karl Marx. Kunst und soziales Ideal), eine Zusammenstellung seiner
Arbeiten aus den Jahren 1927–1967. Der in einen aussichtslosen Krieg gegen die
Dissidenten verstrickten Staatsmacht kommt es auf inhaltliche Feinheiten zu
diesem Zeitpunkt schon nicht mehr an. 1973 erwirbt der beinahe siebzigjährige
Lifšic mit diesem Buch den Titel eines Doktors der Philosophie, bald darauf
wird er auch in die Akademie der Wissenschaften aufgenommen. In seinen letzten
Lebensjahren arbeitet er an einer Systematisierung seiner in den dreißiger
Jahren entstandenen und aufgrund der dramatischen Zeitumstände nicht
ausgearbeiteten Ideen. Lifšic' plötzlicher Tod 1983 kommt der Vollendung vieler
seiner begonnenen Arbeiten und der Veröffentlichung vieler der abgeschlossenen
zuvor. Sein riesiges Archiv bleibt in Hunderten von Ordnern zurück, deren Gestaltung man übrigens die Hand des Künstlers und
ehemaligen VCHUTEMAS-Studenten ansieht.
Das Gros
von Lifšic' Arbeiten, zuvor verstreut in sowjetischen Periodika publiziert, ist
versammelt in einer zwischen 1984 und 1988 erschienenen dreibändigen Ausgabe. 1985
erscheint unter dem Titel V mire estetiki (In
der Welt der Ästhetik) ein
Band bisher unveröffentlichter Lifšic-Texte, darunter die programmatische
Arbeit Čevolek 1930-ch godov (Der Mensch der dreißiger Jahre), eine
Einführung in die Problematik des intellektuellen Lebens jener Zeit. War schon
im Leben des Autors manches zur falschen Zeit geschehen, so treiben diese
postumen Publikationen das Prinzip des unzeitgemäßen Handelns auf die Spitze.
Unpopulärere Themen als die in den Überschriften dieser Werke angeschnittenen
waren schlicht nicht denkbar. Das dringendste Anliegen der Zeit war die
Erlösung vom unerträglichen sowjetischen System.
Zur selben
Zeit, an der Wende von den achtziger zu den neunziger Jahren, stoßen einige
Künstler mehr oder weniger zufällig auf Texte von Lifšic. Etwas
Nonkonformistischeres, in krasserem Widerspruch zum Zeitgeschehen Stehendes
konnte man in diesen Jahren der antikommunistischen Massenhysterie kaum finden.
1991 veröffentlichte die erste unabhängige Kunstzeitschrift Konec XX veka (Das Ende des 20. Jahrhunderts)(die, wie viele der damaligen
Projekte, über eine Ausgabe nie hinausgekommen ist) einen Text von Lifšic, den
dieser seinem Buch V mire estetiki (In der Welt der Ästhetik) als Vorwort hatte voranstellen wollen,
der aber seinerzeit die Zensur nicht passiert hatte. Der Text erschien ohne
jeden Kommentar, denn er wurde bestens ergänzt durch die Ereignisse, die sich
direkt vor dem Fenster abspielten. Jahre zuvor schon hatte Lifšic seine
Diagnose der sowjetischen Intelligencija formuliert und deren Stimmung als die
Wut eines überheblichen Spießbürgertums beschrieben, dessen Ziel die moralische
Vernichtung der marxistischen Tradition war.
Zu diesem
Zeitpunkt beginnt im Land schon die mit allen verfügbaren Waffengattungen
ausgetragene Schlacht um das gewaltige Volkseigentum. Die von Marx beschriebene
Phase der ‚ursprünglichen Akkumulation des Kapitals‘, für die sowjetische
Bevölkerung einst eine bloße Aneinanderreihung leerer Worte, braucht man nun
nicht mehr in Büchern zu studieren. In dieser Phase der ersten Bekanntschaft
mit der Welt des freien Unternehmertums setzt auch eine Neubewertung des
klassischen marxistischen Erbes ein. Sie geschieht langsam, aber unaufhaltsam.
Am 29. September 1993 erscheint in der Zeitung Kommersant’-daily eine Notiz unter der Überschrift „Michail Lifšic
findet endlich seinen Leser“, in deren Einleitung es heißt: „Gestern fand in
der Akademie der Künste eine Sitzung zum zehnten Todestag des großen
Theoretikers und quasi alleinigen Begründers der marxistisch-leninistischen
Ästhetik Michail Lifšic statt. Lifšic' Name schien bis vor kurzem fest mit der
Verfolgung jeder geringsten Abweichung vom Realismus verbunden, ein Synonym für
Konservatismus und Obskurantentum. Die Sitzung zum Gedenken an den letzten russischen
Marxisten blieb selbst innerhalb der Akademie unbemerkt. Die Teilnehmer ließen
sich an zwei Händen abzählen. Seltsamerweise waren unter ihnen auch Vertreter
der radikalsten zeitgenössischen Kunstströmungen, für die Lifšic überraschend
wieder aktuell geworden ist.“
1994
gründen mehrere durch ihr Interesse für die sowjetische Ästhetik verbundene
Künstler das Moskauer Lifšic-Institut. Die
Presse der Zeit interpretiert jede Bezugnahme auf den klassischen Marxismus
oder auf die dreißiger Jahre und insbesondere auch das Lifšic-Institut als
Beispiele einer ‚Poetik der Schockeffekte‘. Die Wahl des Namens Lifšic wirkt
Anfang der neunziger Jahre wie ein Skandal, sie wird in eine Reihe gestellt mit
gewaltsamen, extremen Gesten, wie sie die neue russische Künstlergeneration
vielfach an den Tag legt. Wieder einmal kleidet die Avantgardekunst sich in
jenen Jahren in die Formen von Widerstand, Revolution und Radikalismus; noch
einmal führt sie vor, wie „‚Sturm und Drang’ aller Art begeistert aufgenommen
wird von einem Publikum, das in jeder Raserei eine psychologische Kompensation
der eigenen Nichtigkeit sieht, das billig erkaufte ‚Zuckerbrot[3]
der Freiheit‘, so Lifšic' Beschreibung vergleichbarer Situationen. In den
neunziger Jahren, in der postkommunistischen russischen Kunst, wird solchen
Aktivitäten ein besonderer Wert zugeschrieben (wovon man sich in dem ebenfalls
im vorliegenden Band erschienenen Text von Anatolij Osmolovskij überzeugen
kann). Doch auch vor diesem Hintergrund wirkt die Einrichtung des Lifšic-Instituts nach den Worten des Kritikers Viktor
Miziano wie ein ‚exzentrischer, riskanter Schritt, der mit keinerlei
Verständnis oder Sympathie rechnen können wird‘.
Grundlegend
zu ändern beginnt sich die Lage ab dem Jahr 2000, als in einer von den Erfolgen
der Globalisierung zunehmend erschöpften Welt die nächste Generation die Bühne
betritt. Sie hat keinerlei direkte Erfahrung mit dem sozialistischen Alltag und
ist frei von belastenden Erinnerungen, dafür kennt sie die Realität des
postmodernen Kapitalismus aus eigener Anschauung. Ultralinker Radikalismus wird
in Russland zur neuen sozialen Mode. Dem Gesetz der Pendelbewegung entsprechend
erscheint Lifšic nun wieder einmal als konservativ, nicht links genug und eher
ungeeignet für sofortige revolutionäre Aktionen. Einem anderen Gesetz zufolge –
Lifšic nannte es das Gesetz der Erhaltung des Denkens – existiert jedoch auch
die entgegengesetzte Dynamik: Kein anderer sowjetischer Denker war zu seiner
Zeit so sehr in Verruf, und kein anderer Denker der Sowjet-Ära weckt heute mehr
Interesse.
Ästhetik
Auf das
Motto unserer Arbeit zurückkommend, können wir sagen, dass der Zustand, „als
ich mich schon für tot halten konnte“, nicht nur auf die Zeit des Krieges gegen
den Faschismus beschränkt war, sondern Lifšic’ ganzes Leben immer wieder prägt.
In solchen Momenten lächelt er. Dieses deplazierte Lächeln enthält ein Moment
von Ironie. Es gibt Lebenslagen, so bemerkt er an anderer Stelle einmal, „in
denen nur ein ironischer Kommentar über uns selbst unseren Blick von der Kluft
zwischen gereifter Einsicht und tatsächlichen Kräfteverhältnissen ablenken
kann“. Diese Selbstironie durchzieht die meisten von Lifšic’ Texten, auch wenn
sie manchmal (erinnern wir uns an die bereits zitierten Worte über
Černyševskij) kaum wahrnehmbar ist. Das in diesem Satz geäußerte
Verhältnis zur Ironie verweist in seinem Kern auf die marxistische Auffassung
des Tragischen. Überhören wir diese entscheidende Nuance im Tonfall, so werden
wir von der marxistisch-leninistischen Ästhetik rein gar nichts verstehen.
Diese Ästhetik fragt sich unentwegt: Was kann man tun in einer Situation, in
der man nichts mehr tun kann? Wenn Lifšic die Kluft zwischen gereifter Einsicht
und tatsächlichen Kräfteverhältnissen erwähnt, zitiert er damit indirekt den
Briefwechsel zwischen Marx/Engels und Lasalle über dessen Drama Franz von Sickingen. Dort wird die
Tragödie definiert als Unmöglichkeit, eine unaufschiebbar gewordene historische
Aufgabe zu lösen, weil die realen Mittel dazu fehlen. Selbstironie ist also
eine der Erscheinungsweisen des Tragischen. Ich beeile mich, über alles zu
lachen, um nicht gezwungen zu sein, darüber zu weinen, sagt Lifšic mit Figaro.
In der
feinen Ironie der marxistisch-leninistischen Ästhetik schlug sich die Tragödie
der historischen Aufgabe nieder, die in der Oktoberrevolution und zuvor schon
bei Marx formuliert worden war. Die Geschichte hatte ihre Kräfte falsch
eingeteilt. Es war nicht das erste Mal. Man kann nur staunen über die
Beschränktheit all der Autoren, die bis heute fragen, worin Marx’ Fehler lag,
was er übersehen hatte! Wenn das Bewusstsein, dass die reale Lebenssituation
unmenschlich ist, bereits vorhanden ist, die physische Möglichkeit, den Gang
der Ereignisse umzulenken, aber fehlt, soll man dann das Bewusstsein
verleugnen? Tatsächlich ist auch das eine mögliche Lösung. Auf ihre Analyse
werden in der marxistischen Kritik der zeitgenössischen Kunst viele Seiten
verwendet. Sie ist jedoch gewiss nicht die marxsche Lösung. Wo das Recht des
Begreifens auf das ihm gleichwertige
Recht der real existierenden Kräfte stößt, spielt sich so etwas wie eine
griechische Tragödie ab. Wer wollte heute den Beweis antreten, dass deren
Helden zu begriffsstutzig waren? Dass sie eine bessere Lösung hätten finden
können?
Es ist
absurd, sich als Lehrer aufzuspielen, der Marx einer strengen Prüfung
unterzieht (und immer wieder denselben groben Fehler bei ihm entdeckt: die Idee
des Kommunismus) – ausgerechnet Marx, der schon in seiner Jugend schrieb: Wir
sagen der Welt nicht, wofür sie kämpfen soll, sondern nur, worum sie kämpft.[4]
Anzeichen dafür, dass dieser Kampf kein glückliches Ende finden würde, gab es
bereits relativ früh. Sie machen sich schon in den letzten Arbeiten von Lenin
bemerkbar, in denen er schreibt, eine Revolution sei leichter zu vollbringen als
eine Amtsreform in den sowjetischen Behörden. Die kommunistischen dreißiger
Jahre waren für die Erkenntnis dieser Niederlage von entscheidender Bedeutung.
In dieser Zeit entstand die Kluft zwischen der in der Revolution formulierten
Idee und den Möglichkeiten ihrer realen Umsetzung. Eine Kluft, wie Lifšic
schreibt, vor deren Anblick uns ein ironischer Kommentar über uns selbst
bewahren kann.
Die
Situation, in der ich ‚mich schon für tot halten‘ kann, in der nichts mehr zu
tun bleibt, erhellt die gesamte Geschichte der Weltkultur. Eben damit hängt
auch die Bedeutung zusammen, welche die klassische Kunst in der Stalinzeit
erhält. Das Problem der Klassik definiert Lifšic mit Belinksij als das der
menschlichen Resignation, der Demut vor dem gegebenen Stand der Dinge in der
Welt, vor den ‚tatsächlichen Kräfteverhältnissen‘. Eben dies nennt Lifšic in
der eingangs zitierten Passage das Staunen über das Leben, die Fähigkeit, aus
sich selbst herauszutreten und sich von außen zu betrachten. In seinen
Formulierungen der dreißiger Jahre ist das Streben nach größter kontemplativer
Ruhe, nach plastischer Harmonie, Vollkommenheit der Form und äußerster
Schlichtheit des Inhalts nicht zu trennen von jener tragischen Kluft, vor deren
Anblick uns dieses klassische Kunstprinzip bewahren soll. In Anbetracht der
Dinge, die im Land geschehen, wirkt der Verzicht auf leidenschaftliche
Plädoyers und subjektive Parteinahme zutiefst reaktionär. „Wenn man die bei uns
üblichen Maßstäbe für Progressivität anwendet“, schreibt Lifšic auf dem
Höhepunkt der Repressionen 1938, „dann muss man Sophokles, Polyklet, Leonardo,
Shakespeare, Cervantes, Stendhal, Balzac, Walter Scott und Dickens entweder
ausmustern oder so korrigieren, dass sie eine politische Tendenz bekommen.“
Wo die
Einmischung in die praktischen Angelegenheiten der Welt sinnlos geworden ist,
erfährt die kontemplative Kraft eine machtvolle innere Befreiung. Man kann dies
in hegelscher Terminologie als Versöhnung mit der Wirklichkeit bezeichnen,
allerdings eine Versöhnung ganz besonderer Art. Sie birgt einen Widerstand,
sogar eine gewisse Gewalt, die man sich nunmehr selbst antun muss, um sich –
wie Lifšic' sagt – daran zu gewöhnen, dass man sich nicht gewöhnen kann. Im
Zusammenhang mit der menschlichen Resignation der ‚letzten Klassiker‘ Goethe
und Puschkin schreibt er, die historische Wirklichkeit ihrer Zeit sei auch mit
Hilfe der größten kontemplativen Kraft nur schwer auszuhalten gewesen.
Es gibt
Situationen im Leben, in denen der konsequenteste, radikalste Protest gegen das
Bestehende sich in seinem Gegenteil manifestiert, die Gestalt der Demut
annimmt. In diesen Epochen ungünstiger äußerer Umstände lässt sich der
revolutionäre Inhalt nur durch Anabiose bewahren. Er existiert mit
verlangsamten Lebensabläufen weiter und wartet so auf bessere Zeiten, in denen
er wieder aufgeweckt werden kann. Es gibt auch den umgekehrten Vorgang:
Zuweilen bewahren die äußerste Servilität und der Konformismus, oder einfach
nur die Unfähigkeit, über den bürgerlichen Horizont hinauszublicken, „aus sich
selbst herauszutreten“, ‚ihren‘ Inhalt in der Form ‚ihres‘ Gegenteils – der
ekstatischen Rebellion. Eben das meinte Lenin, als er den Anarchismus als
„umgestülpte Bürgerlichkeit“ bezeichnete.
Das Wort
‚Demut‘ klingt heutzutage befremdlich. Wollte man einen möglichst unzeitgemäßen
Begriff finden, so gäbe es kaum einen geeigneteren. Zur Rehabilitation des
(seinerzeit ohne reguläre Gerichtsverhandlung verurteilten) Wortes ‚Wahrheit‘
ist man inzwischen schon bereit. ‚Demut‘ dagegen – das geht wirklich zu weit!
Doch wir wollen nicht vergessen: Wir haben es mit Phänomenen zu tun, die sich
‚schon für tot halten‘ konnten und deshalb Ansichten von einer Kühnheit
erlaubten, wie sie denen, die noch irgendwie davonzukommen hofften, im Traum
nicht einfielen.
Es ist
interessant, diese Überlegungen zur Kunst mit der schon in der Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie
dargelegten marxistischen Auffassung des Proletariats zu vergleichen. Marx
schreibt, eine positive Möglichkeit der Befreiung liege in „der Bildung einer
Klasse mit radikalen Ketten, einer Klasse der bürgerlichen Gesellschaft, welche
keine Klasse der bürgerlichen Gesellschaft ist, eines Standes, welcher die
Auflösung aller Stände ist, einer Sphäre, welche einen universellen Charakter
durch ihre universellen Leiden besitzt und kein besondres Recht in Anspruch
nimmt, weil kein besondres Unrecht, sondern das Unrecht schlechthin an ihr
verübt wird ..., welche mit einem Wort der völlige Verlust des Menschen ist,
also nur durch die völlige Wiedergewinnung des Menschen sich selbst gewinnen
kann. Diese Auflösung der Gesellschaft als ein besonderer Stand ist das
Proletariat.“ Wir erinnern uns, das Proletariat hat nichts zu verlieren.
Diese
Beschreibung bringt uns wieder zum Motto unserer Arbeit zurück. Wir haben es hier
mit demselben Phänomen zu tun: mit einer Klasse, die sich schon für tot halten
kann und deshalb die Möglichkeit hat, die endlichen Grenzen ihrer selbständigen
Existenz zu überschreiten, universell zu werden, wodurch sie nicht mehr in der
Lage ist, sich selbst zu befreien, ohne zugleich auch alle anderen Sphären der
Gesellschaft zu befreien. Dies ist kein ekstatischer Klassenegoismus im Kampf
gegen die feindselige Realität und auch keine Kapitulation vor dem sinnlosen
Lauf der Dinge. Es ist ein Geschehen, das mit der interesselosen
intellektuellen Betrachtung klassischer Kunst in ihren konservativsten
Ausprägungen verwandt ist. Auch dabei vollzieht sich derselbe Durchbruch zum
Universellen, zur Fähigkeit, sich selbst von außen zu betrachten. Es ist der paradoxe
Punkt, an dem die äußerste, jenseits jeder Vorstellung von Selbsterhaltung
angekommene Verzweiflung mit der humanistischen Tradition der Weltkultur
zusammenfällt. Der Gedanke vom Proletariat als einzig legitimem Erben der
deutschen klassischen Philosophie. Der Moment, in dem die Wirklichkeit selbst
sich zum Gedanken drängt, dessen Blitz
in das naive Volk fährt.
In ihrer
Verteidigung der klassischen, realistischen Kunst deckt die
marxistisch-leninistische Ästhetik deren verborgene revolutionäre Sprengkraft
auf. Sie findet die radikalste Kritik des Bestehenden in ihr – eine Kritik des
falschen Verhältnisses zwischen Bewusstsein und Welt. Und radikal sein heißt
nach Marx, die Sache an der Wurzel zu fassen. In Marx vereinigen sich für die
sowjetische Ästhetik zwei globale Strömungen: der Befreiungskampf des Volkes,
der seinen Ursprung in einer Sphäre der vollständigen Vernichtung des Menschen
hat, und die höchsten Errungenschaften künstlerischen Genies. Die Frage, welche Bedeutung dieses
oder jenes Kunstphänomen für die Revolution hat, lässt sich somit nicht stur
schematisch beantworten. Ob der Inhalt eines Werks zur Befreiung der
Gesellschaft beiträgt, hängt nicht von seinem Etikett ab, und erst recht stellt
die revolutionäre Zerstörung der schönen, klassischen Kunstformen keine
Garantie dafür dar – daran ändert auch die Meinung der wildentschlossensten
Autoren nichts. Die Etikettierung ideologischer Waren unterscheidet sich von
der anderer Waren bekanntlich dadurch, dass durch sie nicht nur der Käufer geprellt
wird, sondern oft auch der Verkäufer.
In unseren
Tagen scheint jedes Ding mit seinem Gegenteil schwanger zu gehen, heißt es bei
Marx. Dies gilt auch für den Begriff der ‚Demut‘. Eine Revolution, die
äußerlich dem Konservatismus gleicht, aber beharrlicher und bewusster ist als
der Drang des subjektiven Willens, das ist es, was die
marxistisch-leninistische Ästhetik interessiert. Die einfachen Worte, in denen
sie sich artikuliert, sagen dem Leser der Gegenwart entweder gar nichts mehr,
oder sie sagen das genaue Gegenteil von dem, was sie ursprünglich bedeuten.
Wahrheit, Realismus, Parteilichkeit, Abbild, gesellschaftliches Ideal – das
lebendige Fleisch dieser Begriffe ist heute verwest, geblieben sind nur die
Knochen. Auf einen zukünftigen Cuvier wartet hier viel Arbeit. Allerdings ist
inzwischen klar, dass die Verwendung der marxistischen ästhetischen Termini in
der Alltagssprache keinerlei Sinn hat.
So bedeutet
Wahrheit innerhalb jenes Wortschatzes nicht die Übereinstimmung unseres Denkens
mit der realen Lage der Dinge, sondern die Übereinstimmung eines Gegenstands
mit sich selbst, mit seinem eigenen Begriff. Realismus umfasst hier ein sehr
weites Feld von Erscheinungen, in dem neben Courbier, Repin und Praxiteles auch
für die afrikanische Plastik, für die altrussische Ikonenmalerei und für
Grünewald Raum ist, aus dem aber auch manches herausfällt (zum Beispiel ein
beträchtlicher Teil dessen, was man gemeinhin ‚sozialistischer Realismus‘
nennt). Abbild schließlich meint nicht Meisterschaft im Kopieren, sondern
vielmehr, dass das Objekt in einen Zustand der Abbildbarkeit eintritt. Doch es
wäre unklug, an dieser Stelle näher auf diese Themen eingehen zu wollen.
Eine der
Besonderheiten der sowjetischen Ästhetik besteht in einer gewissen, ihr
immanenten inneren Undurchdringlichkeit. Lifšic schreibt in Bezug auf Hegel
einmal: „Man kann natürlich fragen, wozu dieses erstaunliche Genie sich eine
eigene, dem gewöhnlichen Sterblichen unverständliche ‚Göttersprache’ geschaffen
hat.“ Dieselbe Frage stellt sich auch im Hinblick auf Lifšic selbst. In der
kristallenen Klarheit seiner Texte liegt eine besondere Dunkelheit – ähnlich,
wie die Tiefe eines allzu klaren Wassers sich nicht bestimmen lässt, weil der
Grund zu nah erscheint. Der wesentliche Unterschied zu Hegel liegt darin, dass
die Sprache der sowjetischen Ästhetik bis zur Armseligkeit einfach und
verständlich wirkt. Sie löst nicht jenes Schwindelgefühl aus, das Antitexte
bescheren können, die manchmal jeglichen Sinns zu entbehren scheinen. Im
Gegenteil, hier wird eher Allgemeinverständlichkeit vorgetäuscht, sogar
Banalität. Auch diese Besonderheit des Schreibens hängt mit dem Zustand
zusammen, den wir mit dem Ausdruck ‚sich schon für tot halten‘ bezeichnet
haben. Neben Ironie bedarf es auch einer gewissen Dosis Trivialität in der
Beschreibung einer Situation, in der die beste Idee zu ihrer Ausführung in eklatantem Widerspruch steht – einem
Widerspruch, der seinen Grund in der Schwierigkeit der Idee hat. Wie wir aus
den Überlegungen des späten Lenin in Erinnerung haben, war die Diskrepanz
zwischen Büchern, Gedanken und Losungen auf der einen und dem realen Lauf der
Dinge auf der anderen Seite die größte Gefahr für die Oktoberrevolution. So
blieb es, solange alles in Aufruhr war und sich erst allmählich wieder setzte. Danach
brach eine Zeit an, in der sich alles gesetzt hatte und in der es galt, den
Blick von dieser in absehbarer Zukunft nicht überwindbaren Kluft abzulenken. Es
gibt Situationen, in denen die paradoxe Vereinfachung der Form den einzigen Weg
darstellt, den Inhalt des Denkens für bessere Zeiten zu bewahren, in denen
alles scheinbar absichtslos gesagt wird, beiläufig, unauffällig, in der
Hoffnung, dass es dennoch verstanden wird. Manchmal erfordert eine solche
Situation auch eine ‚Göttersprache‘.
Bekanntlich
entstehen optische Täuschungen dort, wo Strahlen sich beim Übergang zwischen
Medien unterschiedlicher
Dichte brechen. An der Grenze zwischen diesen Medien ändern sie ihre Richtung
(manchmal bis zur Unerkennbarkeit), und wenn wir herausfinden wollen, wie weit
der Grund des Wassers tatsächlich entfernt ist, müssen wir entweder in es
eintauchen oder die Entfernung mit anderen Methoden messen. An der Schwelle von
den achtziger zu den neunziger Jahren erschien der Thermidor, der einst im
Zentrum der Aufmerksamkeit der dreißiger Jahre gestanden hatte, in einer neuen,
verbesserten Version. So gesehen fanden wir uns plötzlich in einer Umgebung
wieder, die in einigen ihrer Merkmale an jene Zeit erinnerte. Aus demselben
Grund interessierten sich die dreißiger Jahre auch so sehr für Hegel und alle
vergleichbaren Situationen der Weltkultur, in denen die Bewegungen vom
Magnetfeld der Konterrevolution, der Reaktion beeinflusst waren. Betrachtet man
dagegen die äußeren Erscheinungsformen der Zeitläufe, so hat die Periode der
postkommunistischen Privatisierung mit ihren Manifestationen von phantastisch
anmutender Profitgier, Spekulation, Diebstahl und Betrug, mit ihren
entfesselten Leidenschaften und ihren monströsen Formen des Existenzkampfes und
der Gewalt formal wenig mit den dreißiger Jahren gemein. Einige
Grundeigenschaften teilen beide Zeitabschnitte dennoch auch auf dieser Ebene.
Beide waren geprägt von einer elementaren, dumpfen, auf maßlosem Egoismus
beruhenden Bewegung von unten, die die übelsten Elemente an die Spitze brachte.
Der Unterschied liegt darin, dass wir es im einen Fall mit der Entfaltung und
der Degeneration einer Revolution zu tun haben, im anderen mit dem Zerfall von
etwas, das schon seit langem mit einem Bein im Grab stand.
Durch
Wiederholung wird das, was erst nur zufällig und möglich schien, zu etwas
Wirklichem, Feststehenden, schreibt Lifšic. „Die Wiederholung ein und desselben
ist ein wichtiges Element des Lebens allgemein, es begleitet sowohl den
Aufstieg als auch die Katamorphose, den Untergang eines bestimmten Bereichs der
Realität.“ In dieser Wiederholung gelangt der Zerfall der revolutionären Idee
bis an die Schwelle ihrer Existenz; sie erreicht ihren klassischen Zustand,
ihre volle Reife. Und eine Krise, so bemerkt Marx einmal, kann theoretisch erst
genutzt werden, wenn sie voll ausgereift ist. Die marxistisch-leninistische
Ästhetik als Abbild einer Epoche, in der die Revolution sich schon als
Sterbende erkennt, kann jetzt, aus der Perspektive der Vollendung dieses
Prozesses, neu gelesen werden. Innerhalb des Prozesses ist ihre Stimme zu
leise, unhörbar in der Kakophonie des Niedergangs, und ihre Äußerungen werden
allzu wörtlich verstanden.
In seiner
Analyse des berühmten hegelschen Diktums, ‚was wirklich ist, ist vernünftig‘,
befand Lifšic, eben dies sei ein maximal ausformulierter Gedanke über die
Unvernunft der Welt, ein paradoxer Ausdruck der Distanz zwischen den
Forderungen der Vernunft und den irdischen Kräfteverhältnissen. (Demgegenüber
besteht die gegenteilige Aussage, ‚was wirklich ist, ist unvernünftig‘, gerade
darauf, dass es durchaus noch Hoffnung gibt, dass jenseits des Wirklichen eine
vom Zerfall unberührte Region der Vernunft existiert, von der aus eine solche
Meinung ausgesprochen werden kann.) Große Persönlichkeiten seien gezwungen,
alles andere zu sagen als das, was sie denken, notiert er in einem seiner
Manuskripte. Es sei Sache der Nachkommen herauszufinden, was sie wirklich sagen
wollten. Und er illustriert seinen Gedanken mit Beispielen: „So geschehen mit Hegel und seinem preußischen
Polizei-Ideal, so geschehen auch mit Černyševskij und seinen paradoxen
Vereinfachungen. So geschehen mit allen großen Konservativen der Menschheit,
deren wissbegieriges, fortschrittliches Denken sich nur in verwandelter, ja in
ihr Gegenteil verkehrter Form ausdrücken konnte.“ So geschehen auch mit Lifšic
und seinem Ideal einer neuen Renaissance, mit seinem Verständnis des
Sowjetstaates als zum gegebenen Zeitpunkt einzig möglicher Verkörperung der
kommunistischen Idee, mit seinem Begriff des ‚sozialistischen Realismus‘ (den
er allerdings erst ab den siebziger Jahren benutzte, was in gewissem Maß schon
an Majakovskijs gelbe Jacke erinnerte) und mit seinem programmatischen
Antimodernismus.
Letzteres
Thema ist für uns besonders wichtig. Der Mythos von der inneren Verwandtschaft
der Avantgardekunst mit der russischen Revolution zählt zu den am schwersten
auszurottenden Banalitäten unserer Zeit. Die marxistisch-leninistische Ästhetik
war und bleibt die einzige Denkrichtung, die diese Verwandtschaft einer
‚genetischen Analyse‘ unterzogen hat und zu ganz anderen Ergebnissen gelangt
ist. Gerechtigkeitshalber muss man dazusagen, dass die marxistische Ästhetik,
da sie dieser Kunst keinen Zugang zu den Museen gewährte, auch als einzige in der
Lage war, sich ernsthaft mit dem Anspruch des Modernismus auseinander zu
setzen, dass hier etwas wirklich Neues vorliege – etwas, das von allem, was die
Kultur bis dahin hervorgebracht hatte (vom Wilden bis zur Akademie, in
Malevičs Worten), prinzipiell verschieden sei. Mehr noch, nur die
marxistisch-leninistische Ästhetik, die diese Phänomene beharrlich als
Antikunst schlechthin bezeichnete, hielt die Erinnerung daran, wie alles
angefangen hatte, jahrzehntelang wach. Indem sie die avantgardistische Methode
ablehnte, ließ sie sie intakt und hielt ihre Besonderheit fest. (Anzumerken ist
auch, dass diese Kunst in der marxistischen Tradition nicht als entartet
bezeichnet werden konnte. Was man ihr vorwarf, war gerade die Hypertrophie der
Reflexion, des intellektuellen Elements, das bis zur Selbstverleugnung weiter
entwickelt wurde.)
Der
Marxismus hat von den ersten Tagen seiner Existenz an die ‚rücksichtslose
Kritik alles Bestehenden‘ postuliert. Die Avantgardekunst erhebt denselben
Anspruch. Selbst in den bekannten Werken, in denen sie sich vor der Welt des
Konsums verneigt, gelingt es ihr, dies auf eine Weise zu tun, dass selbst der
Konsum noch erröten muss. Doch der Marxismus sieht in dieser Kunst keine
Gleichgesinnte. Die Revolution in der Kunst wurde vom Land der Revolution nicht
angenommen. Sie wurde vielmehr entschieden und vom ersten Tag an abgelehnt, was
seinen Niederschlag fand in der vorrevolutionären marxistischen Kritik der
Dekadenz, in Lenins Kulturpolitik und in einer Reihe von eindeutigen Aussagen
aus seinem Munde, deren bekannteste zur Avantgarde lautet: „absurdeste
Grimassen“.
Die übliche
Erklärung dafür trennt strikt zwischen Lenin als Revolutionär und Lenin als
Mensch mit traditionalistischem, beinahe bürgerlichem Geschmack. Nicht viel
besser steht es um Marx und seine Vorliebe für Aischylos und Shakespeare.
Derlei Ansichten widerlegen zu wollen, führt zu nichts. Für die in der
Sowjetunion entwickelte Ästhetik aber waren die genannten Tatsachen von
zentraler Bedeutung. Aus sämtlichen von Lifšic skrupulös zusammengetragenen
Äußerungen von Marx, Engels und Lenin zur Kunst ergaben sich eher unerfreuliche
Schlussfolgerungen für das Bündnis zwischen der proletarischen Revolution und
dem Modernismus. Der Avantgardismus kann zwar ein kritisches Verhältnis zu den
Texten des klassischen Marxismus pflegen, eine Apologie seiner selbst hingegen
wird er in ihnen nicht finden.
Das heißt
allerdings nicht, dass der Marxismus ihn nicht verstanden hätte. Den berühmten
Abschnitt über die Entfremdung aus den Ökonomisch-Philosophischen
Manuskripten von 1844 kann man als Übersetzung des hegelschen Gedankens vom
Ende der Kunst in die Sprache des Materialismus ansehen. Marx beschreibt die
entfesselte Warenproduktion in der Epoche des Kapitalismus als den Menschen
versklavende Kraft, eine zermürbende, zerstörerische Kraft. Insofern steht der Kapitalismus einer geistigen Produktionsform wie der Kunst
feindlich gegenüber. Im augenfälligen
Reichtum der gegenständlichen Welt findet der Mensch nicht die Poesie der
realen Formen, sondern seine soziale Armut, Knechtschaft, Entäußerung – seine
Entwirklichung.
Es bedurfte
weiterer siebzig Jahre, bis dieser Gedanke von Künstlern in der Idee der
ungegenständlichen Kunst umgesetzt wurde, für die die rohe Welt aus Fleisch und
Blut feindselig und deshalb nicht darstellbar ist. Daher auch die eindringliche
Poesie, die Künstler in Produkten der Sanitärtechnik oder in Suppendosen
entdeckt haben. Noch der banalste vom Fließband rollende Gegenstand, den der
Mensch zu seinem eigenen Schaden geschaffen hat, wird als Gefäß von
Menschlichkeit gesehen. „Der Arbeiter legt sein Leben in den Gegenstand; aber
nun gehört es nicht mehr ihm, sondern dem Gegenstand. Je größer also diese
Tätigkeit, umso gegenstandsloser ist der Arbeiter. Was das Produkt seiner
Arbeit ist, ist er nicht. Je größer also dieses Produkt, je weniger ist er
selbst.“ „Es ist ebenso in der Religion. Je mehr der Mensch in Gott setzt, je
weniger behält er in sich selbst,“ schreibt Marx. Heute versetzt der Mensch
sich selbst in eine Konservendose und betet diese an. Und auch das ist nicht
allzu neu. Einst begann die Kunst mit der rituellen Anbetung von Readymades aus
der Natur, von groben, unbearbeiteten Steinen.
Man könnte
sagen, dass die Kunst des 20. Jahrhunderts den marxschen Text illustriert, und
in gewissem Maß ist dies tatsächlich so. Darin liegt die Wahrheit des
Modernismus. Er zeichnet eine durch und durch entpoetisierte Realität, die
Trostlosigkeit des überflüssigen
Bewusstseins in einer Situation, in der der Mensch keinerlei Möglichkeit hat,
auf sein Schicksal Einfluss zu nehmen. Er zeigt unvergleichliche Bilder dieses
schier unerträglichen schmerzlichen Zustands, und deren Zeugnis ist echt. In
der Sprache der marxistisch-leninistischen Ästhetik, zu deren zentralen
Begriffen der des ‚Abbilds‘ zählt, wird einer Welt, die ihre historische
Rechtfertigung eingebüßt hat, ein geringer Grad von Abbildbarkeit
zugeschrieben. Die in den Ökonomisch-Philosophischen
Manuskripten von 1844 konstatierte Abbildbarkeit tendiert bereits gegen
Null.
Allerdings
gibt es in diesem Text einen weiteren Abschnitt, der sich einer Illustration
durch die Verfahren modernistischer Kunst entzieht. Es geht dabei, der Leser
ahnt es schon, um den Kommunismus. Den Kommunismus definiert Marx als „positive
Aufhebung des Privateigentums als menschlicher Selbstentfremdung und darum als
wirkliche Aneignung des menschlichen Wesens durch und für den Menschen; darum
als vollständige, bewusst und innerhalb des ganzen Reichtums der bisherigen
Entwicklung gewordne Rückkehr des Menschen für sich als eines
gesellschaftlichen, d. h. menschlichen Menschen. Dieser Kommunismus ist als
vollendeter Naturalismus Humanismus, als vollendeter Humanismus Naturalismus,
er ist die wahrhafte Auflösung des Widerstreites zwischen dem Menschen mit der
Natur und mit dem Menschen, die wahre Auflösung des Streits zwischen Existenz
und Wesen, zwischen Vergegenständlichung und Selbstbestätigung, zwischen
Freiheit und Notwendigkeit, zwischen Individuum und Gattung. Er ist das
aufgelöste Rätsel der Geschichte und weiß sich als diese Lösung.“
Was hat die
Avantgardekunst zu diesem wahrhaften Sein, zu diesem Reich des Echten und
Edlen, dieser Norm des freien Menschen, diesem Ideal der Zukunft zu sagen?
Nicht einfach nur nichts. Der Avantgardismus ist die plastische Negation all
dessen. Er gibt Rätsel auf, für die keine Auflösung existiert, und ist in
erster Linie bestrebt, dem ‚ganzen Reichtum der bisherigen Entwicklung‘ den
Garaus zu machen. Er ist eine Illustration nicht des oben zitierten Abschnitts,
sondern von Lenins Worten aus dem Jahr 1914 über das Nahen einer Minute, die
sämtliche Grundlagen des kulturellen Lebens zerstören könne und unausweichlich
zerstören werde.
Marx
schreibt über eine Welt, in der dem gesellschaftlichen Leben eine vernünftige
Ordnung zugrunde liegt, in der man sich selbst keine Gewalt antun und sich
nicht für tot halten muss, um eine Harmonie zwischen Bewusstsein und Objekt zu
erreichen. Der Modernismus beschäftigt sich mit derselben Problematik, steht
aber für eine alternative Lösung. Er betont die Unüberwindbarkeit der Kluft
zwischen Bewusstsein und Gegenstand. Deren greifbare Erscheinung ist die
unendliche Distanz zwischen dem Bewusstsein und dem, was diesem Bewusstsein als
Kunst dargeboten wird.
Welches
Kunstsystem ist im 20. Jahrhundert an der Stelle gewachsen, wo jetzt – wäre das
revolutionäre Projekt verwirklicht worden – die Kunst nach traditionellem
Verständnis stünde? Es ist ein gigantischer Mechanismus, dessen schiere
Mächtigkeit jeden Zweifel daran, ob all dies wirklich Kunst ist, ausräumen
soll. Gewicht, Menge und drucktechnische Perfektion der Ausstellungskataloge,
die suggestiven Texte der Kunsthistoriker, die raffinierte Beleuchtung und die
Alarmanlagen in den Museen, dazu die Preise, die Preise – alles ist dazu angetan,
Zweifel am Kunstcharakter dessen, was wir vor uns haben, zu zerstreuen. Doch
die Zweifel bleiben bestehen, und zwar vor allem bei den Spezialisten, die doch
andere überzeugen sollen. Es bleibt jenes alte, naive, von Lenin einmal im
Gespräch mit Clara Zetkin zum Ausdruck gebrachte Gefühl: Ich verstehe das
nicht, es macht mir keine Freude. Und es bleibt das System der wechselseitigen
Bürgschaft in der Expertengemeinde, das Lifšic vor vielen Jahren schon als
Verschwörung der Eingeweihten bezeichnet hat.
Wenn die
kommunistische Idee trotz aller übermenschlicher Anstrengungen in ihrem Versuch
gescheitert ist, die Substanz des wirklichen Lebens in einen Zustand der
Harmonie zu versetzen, so geschieht dasselbe in jedem avantgardistischen
Kunstwerk. Jeder Betrachter, der bestürzt und ratlos vor den Trümmern realer Gegenstände oder schlichten Nachbildungen,
vor Kotproduktionsmaschinen, altem Gerümpel, Filz, elementaren geometrischen
Figuren und anderen musealen Kostbarkeiten des vergangenen Jahrhunderts steht,
durchlebt eben dieses historische Drama. Doch es bleibt immer ein wesentlicher
Unterschied: Der Urheber des Kunstwerks hat nicht einmal versucht, seine Arbeit
zum Abschluss zu bringen. Vielmehr
richteten sich all seine, nicht selten gewaltigen Anstrengungen, für die
Phantasie, manchmal echtes Talent und zuweilen auch Können nötig waren, auf das
exakte Gegenteil: darauf, die Vernunft auf Abstand zu halten und sie nicht in
die Falle des Objekts tappen zu lassen. In diesem Drama des Künstlers, dessen
Denken in einem trostlosen Schwebezustand verharrt, immer anderswo, nie im
Werk, während das Kunstsystem es gleichzeitig am gänzlichen Abheben hindert,
findet der Museumsbesucher einen gewissen Trost. Hat das Bewusstsein im realen
Leben eine Niederlage erlitten, da es noch nicht einmal in der Lage war, eine
Amtsreform durchzuführen, und da die ‚Einsicht‘ die Kluft zwischen sich selbst
und den ‚tatsächlichen Kräfteverhältnissen‘ nicht überwinden konnte, so
bedeutet eben dieses Phänomen im Werk der Avantgardekunst einen Triumph, denn
genau so war die Sache gedacht. Wir sehen einerseits den Extremfall
historischen Scheiterns, andererseits die Genauigkeit von Planung und
Verwirklichung. Das Ergebnis übertrifft die kühnsten Erwartungen. Man kann hier
nicht von Niedergang sprechen,
schreibt Lifšic, in Epochen des Niedergangs gibt es noch eine lebendige
Erinnerung an die Errungenschaften der Vergangenheit, ein Schuldgefühl, ein
Bewusstsein der eigenen Minderwertigkeit.
Der junge
Marx hat gesagt, „das Bewusstsein ist
eine Sache, die ... [die Welt] sich aneignen muss, wenn sie auch nicht will.“
Die Idee des modernistischen Werks ließe sich so formulieren: „Das Bewusstsein
ist eine Sache, die die Welt sich nicht aneignen kann, so sehr sie auch will.“
Alle Anstrengungen dieser Kunst sind darauf gerichtet, die Vergeblichkeit jeder
Anstrengung zu zeigen.
Die
marxistisch-leninistische Ästhetik beschreibt den Avantgardismus in ihrer
Analyse als Fabrik von Seufzern der bedrängten
Kreatur, womit sie sich auf Marx’ in der Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie dargelegte
Religionsauffassung bezieht. Der Modernismus ist der Ausdruck
des wirklichen Elends der kapitalistischen Welt und der Protest gegen dieses
Elend in einem. Er ist der Geist geistloser Zustände, das Herz einer herzlosen
Welt. Er ist das Opium der Intellektuellen. Der Kampf gegen den Modernismus ist
der Kampf gegen jene Welt, deren geistiges Aroma der Modernismus ist. Die
Abschaffung des Modernismus als ‚illusorischer‘ Kritik der Welt ist die
Forderung ihrer ‚wirklichen‘ Kritik.
Die Kritik des Modernismus ist die Kritik an Verhältnissen, in denen der Mensch
ein erniedrigtes, geknechtetes, hilfloses, verachtungswürdiges Wesen ist. Ein
offensichtlicher Beweis für die Radikalität der marxistischen Ästhetik ist die
Tatsache, dass ihr Ausgangspunkt die entschiedene, positive Aufhebung des Modernismus war.
Die
praktische Umsetzung solcher Ideen war in der Sowjet-Ära nur sehr begrenzt
möglich, sie blieben auf das Reich der Bücher, die Welt der Worte beschränkt
(unter Berücksichtigung des wesentlichen Zusatzes, dass die Worte eines
Dichters, laut Puschkin, bereits seine Taten sind). Die Kunst bezeugte die
Hilflosigkeit des Menschen, daran war nichts zu ändern. Und auch die
marxistisch-leninistische Ästhetik selbst war in weltlichen Dingen hilflos,
hatte auf den realen Lauf der Ereignisse selbst in der sowjetischen Kunst so
gut wie keinen Einfluss. Sie blieb eine freie Äußerung intellektueller
Kreativität und betrachtete jedes utilitaristische Verhältnis zu geistiger
Tätigkeit als typische Erscheinung der bürgerlichen Epoche. Man kann sagen
(wenn man es denn über die Lippen bringt), dass darin die Schwäche dieser Ideen
lag. Dies war der Preis für den hohen Wert dessen, was durch sie verteidigt
wurde, und für die Tiefe ihrer Analyse.
Das Hauptproblem war jedoch nicht die fehlende
praktische Umsetzbarkeit, sondern die Unverständlichkeit dieser Texte – die
Tatsache, dass sie in der Sowjetunion wie Ultraschall klangen, außerhalb des
wahrnehmbaren Bereichs. Zu stark verschmolzen war die marxistisch-leninistische
Ästhetik mit der Realität des Sozialismus, mit einem rohen, unbedachten
Kommunismus. Als ihr materielles Substrat betrachtete man keineswegs
beschriebenes Papier, sondern ein Sechstel der Erdoberfläche, den einigermaßen
scheußlichen Alltag von Millionen Menschen, die neuesten Rüstungssysteme, einen
kolossalen Repressionsapparat und eine staatlich subventionierte Kulturpolitik.
Man verband sie mit allem, was den Triumph des Kommunismus hatte gewährleisten
sollen und den Sieg der Wahrheit als Übereinstimmung zwischen dem Leben und
seinem Begriff, als besseres, vollkommenes Leben hatte realisieren sollen – was
darin aber versagt hatte. Und es hatte nicht nur versagt, sondern man verlangte
auch noch, eben diese, allmählich von regelrechtem Verfall gezeichneten
Deformationen sollten als wahr gewordener Wunschtraum anerkannt werden.
Die
marxistische Ästhetik war sich dessen bewusst, viel klarer als andere. Sie
hielt es nicht für nötig, dieses Wissen allzu sichtbar zu präsentieren, verbarg
es aber auch nicht. Heute liest sich Lifšic’ zum fünfzigjährigen Jahrestag der
Revolution verfasster und 1967 von der Zensur zurückgehaltener Text Nravstvennoe značenie oktjabr’skoj
revoljucii (Die moralische Bedeutung
der Oktoberrevolution) wie die bittere Erzählung vom Scheitern einer großen
Sache. Dieser Text enthält keinerlei abgeschmackte Naivität, aber auch nichts
von einem noch abgeschmackteren Verzicht auf Ideen. Kann man denn aus einer Situation, in der die Wirklichkeit sich
nicht ‚mit‘ dem Denken entwickelt,
sondern genau in die entgegengesetzte Richtung, und in der die Sache nicht mehr
zu retten ist, nur den Schluss
ziehen, dass das Denken folglich im unnützen Hin und Her der Reflexion stecken
bleiben muss, in einer aussichtslosen, unaufhörlichen Frustration? Oder soll
das Denken sich idealerweise ganz verleugnen? Nicht unbedingt. Erinnern wir uns
noch einmal an unser Motto. Das Denken bekommt unter solchen Bedingungen
Gelegenheit, sich selbst genauer zu fassen. Das Lächeln steht für die Einsicht, dass selbst unter den
aussichtslosesten Umständen das letzte Wort noch nicht gesprochen ist, und
welches Wort wäre denn auch je das letzte?
Wie sehen
diese Vorgänge aus postkommunistischer Perspektive aus, da von der historischen
Realität, aus der die marxistische Ästhetik entstand, nur noch rohe,
unreflektierte Erinnerungen geblieben sind? Der Modernismus wirkt aus solcher
Höhe betrachtet wie ein Anachronismus. Er bildet sich
noch ein, an sich selbst zu glauben, und verlangt von der Welt dieselbe
Einbildung. Mit jedem Tag muss die Einbildungskraft dafür mehr angestrengt
werden. Auf der anderen Seite bestehen heute keinerlei immanente Gründe, die
marxistisch-leninistische Ästhetik zu ignorieren. Ihre Texte dienen dem
Verständnis der postkommunistischen Situation, denn faktisch waren sie auch ein
Versuch, eben diese Situation in den dreißiger Jahren – den Ereignissen um viele Jahre voraus – zu begreifen. Doch der Hauptvorzug von Lifšic' Schriften
der dreißiger Jahre liegt nicht darin. Inmitten völliger Verwüstung an heiliger
Stätte bewahrten sie unter der Asche noch die Wärme der ersten Jahre nach der
Revolution, eine lebendige Erinnerung an die besten Momente der Vergangenheit.
Es waren wenige, denen dies während des unaufhaltsamen Niedergangs gelang. Man
muss für alles bezahlen in dieser gerechtesten aller Welten. Der Preis für die
Rettung des Andenkens an die Idee der Oktoberrevolution war die Tatsache, dass
diese Bücher selbst aus dem kulturellen Gedächtnis ausgelöscht und verbannt
wurden, ins Reich des historischen Vergessens. Im Licht der Gegenwart jedoch
sind sie von den Abfallprodukten jener
Zeit deutlich zu unterscheiden. Ihre Autoren mochten sich selbst schon für tot
halten, wir aber sollten ihnen in diesem Irrtum nicht folgen.
Aus dem Russischen
von Olga Radetzkaja
Gutov, Dimitrij, Die
marxisitisch-leninstische Ästhetik in der postkommunistischen Epoche. Michael
Lifsic, in: Groys, Boris, von der Heiden, Anne, Weibel, Peter (Hg.), Zurück aus
der Zukunft. Osteuropäische Kulturen im Zeitalter
des Postkommunismus, Frankfurt am Main 2005.
Suhrkamp
p. 709 - 737
[1] Der Autor des vorliegenden
Textes weist die Quellen der zitierten Werke in den Fußnoten nicht nach.
Informationen zu vielen der zitierten Texten finden sich - wie oben angegeben -
auf seiner Internetseite: http://www.gutov.ru/lifshitz. [A.
d. Hg.]
[2] Ein Zitat aus dem dritten Teil des Romans, Kapitel 26.
In der Übertragung von Fred Ottow lautet die Stelle, etwas unauffälliger: „in
unserer Zeit des Umbruchs und des Übergangs“ (Lev Tolstoj, Anna Karenina,
München 1978, S. 396). [A. d. Ü.].
[3] Im
Original deutsch. [A. d. Ü.]
[4] Gutov
bezieht sich hier auf ein möglicherweise nicht ganz korrektes Zitat aus einem
Brief Karl Marx' an Arnold Ruge aus dem Jahr 1843: „Wir
entwickeln der Welt aus den Principien der Welt neue Principien. Wir sagen ihr
nicht: lass ab von deinen Kämpfen, sie sind dummes Zeug; wir wollen dir die
wahre Parole des Kampfes zuschrein. Wir zeigen ihr nur, warum sie eigentlich
kämpft, und das Bewusstsein ist eine Sache, die sie sich aneignen muss,
wenn sie auch nicht will.“, in: Marx, Karl, Werke. Artikel. Entwürfe, März
1843 bis August 1844 (Marx, Karl, Engels, Friedrich, Gesamtausgabe, Erste Abteilung, Band 2), Berlin 1982, S. 488. [A.
d. Ü.]